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Sie brauchen ein Zuhause!

Helfen künstliche Quartiere?

Interview zum Weltbienentag

Viele tragen „Schere“, „Maske“ oder „Pelz“ in ihrem Namen. Und bringen es mit über 600 Arten allein in Deutschland auf eine stattliche Anzahl. Wildbienen, die wilden Verwandten der Honigbiene, leisten zudem Erstaunliches: Wissenschaftler*innen der Universität Hohenheim schätzen, dass bestäubende Tiere – darunter (Wild-)Bienen, Käfer und Schmetterlinge – in Deutschland jährlich ca. 3,8 Milliarden Euro wirtschaftlichen Nutzen bringen. Sprachlos macht da die Nachricht, dass mehr als die Hälfte der heimischen Wildbienenarten bedroht ist. Künstliche Nisthilfen können helfen, oder?

Im Folgenden lest ihr ein Interview zwischen Ann-Kathrin Scheuerle (Pressereferentin) und Dominik Jentzsch (Projektmitarbeiter im Naturgarten-Team). Beide arbeiten bei der Stiftung für Mensch und Umwelt, bekannt für ihre Bienenschutz-Initiative Deutschland summt!

Osmia cornuta©Hans-Jürgen Sessner
Die Gehörnte Mauerbiene (Osmia cornuta) nimmt künstliche Nisthilfen zum Beispiel gerne an. © Hans-Jürgen Sessner
Wildbienennisthilfen gibt’s mittlerweile in verschiedensten Formen, Farben und Größen. ©SMU, Cornelis Hemmer
Wildbienennisthilfen gibt’s mittlerweile in verschiedensten Formen, Farben und Größen. ©SMU, Cornelis Hemmer

Ann-Kathrin Scheuerle: Dominik, der Weltbienentag 2024 erinnert uns an die wertvolle Arbeit der kleinen Summer. Wie kommt es, dass sie trotz ihrer wichtigen Rolle im Ökosystem immer weniger werden?

Dominik Jentzsch: Die Hauptursachen sind vielfältig und komplex. Menschliche Aktivitäten wie der Einsatz von Pestiziden, die Zerstörung von Lebensräumen und der Klimawandel spielen eine zentrale Rolle. Diese Faktoren mindern die Nahrungsquellen der Wildbienen und die verfügbaren Nistplätze, was zu einem Rückgang bei einem Großteil der heimischen Populationen führt. Es ist wichtig, die Ursachen des Wildbienensterbens zu verstehen, um wirksame Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

Ann-Kathrin Scheuerle: Viele Menschen wollen den bedrohten Wildbienen helfen, indem sie künstliche Nisthilfen aufstellen. Bringen diese „Wildbienenhotels“ was?

Dominik Jentzsch: Nisthilfen für Wildbienen sollten immer nur ergänzend zum Schutz und zur Förderung von Wildbienenpopulationen gesehen werden. Warum? Ihre Wirksamkeit ist mit einigen Einschränkungen verbunden. Das Hauptziel im Schutz von Wildbienen sollte sein, die Verfügbarkeit von Nahrungsangeboten
 zu steigern und natürliche Lebensräume sowie Strukturen zu erhalten und zu schaffen. Idealerweise ist das Blühangebot über das ganze Jahr möglichst vielfältig. Natürliche Nistplätze wie sie Totholz, Steilwände und andere Bodenstrukturen bieten, werden bewahrt. Nisthilfen sollten als kleiner Teil einer umfassenderen Strategie angesehen werden. Allerdings können die Beobachtungsmöglichkeiten an Nisthilfen zu weiteren Erkenntnissen bei den Betrachtenden führen. 

Ann-Kathrin Scheuerle: Gehören künstliche Wildbienennisthilfen in den Naturgarten?

Dominik Jentzsch: Nicht zwangsläufig. Wenn wir mehrere kleine Nisthilfen für Wildbienen in Naturgärten installieren, können wir damit das Nistplatzangebot von oberirdisch nistenden Wildbienen fördern. Jedoch muss berücksichtigt werden, dass drei von vier Wildbienenarten im Boden (!) nisten. Nisthilfen können also ein ökologisches Gartenkonzept ergänzen, nicht aber ersetzen. Nisthilfen allein sind nicht ausreichend für eine vielfältige Insektenwelt.

Ann-Kathrin Scheuerle: Wildbienennisthilfen gibt’s mittlerweile in verschiedensten Formen, Farben und Größen. Worauf sollte ich beim Kauf achten?

Dominik Jentzsch: Beim Kauf von Wildbienennisthilfen ist die Verarbeitung von natürlichen, unbehandelten Materialien wie Hartholz oder gebrannter Ton ein wichtiges Kriterium. Schließlich geht es darum, die Langlebigkeit und Sicherheit für die Wildbienen zu gewährleisten. Des Weiteren ist auf glatte, splitterfreie Bohrungen mit einem Durchmesser von 2–10 mm zu achten, um verschiedenen Arten von Wildbienen gerecht zu werden. Eine ausreichende Bohrtiefe von mindestens 12 cm ist erforderlich, um genügend Raum für die Brutkammern zu bieten und ein optimales Geschlechterverhältnis der Nachkommen zu sichern. Zudem sollte die Nisthilfe an einem Ende geschlossen sein, um den natürlichen Nistgewohnheiten zu entsprechen. Ebenfalls entscheidend ist der Schutz vor Fressfeinden durch ein Schutzgitter und die Chemikalienfreiheit der Materialien, um den Bienen keinen Schaden zuzufügen.

Ann-Kathrin Scheuerle: Der Bau einer Wildbienennisthilfe ist auch ein schönes DIY-Projekt! Kann ich dazu jedes x-beliebige Holz nehmen? Und ist es egal, wie und wo ich darin die Löcher bohre?

Dominik Jentzsch: Beim Bau einer Wildbienennisthilfe ist die Wahl des Holzes und die Art, wie und wo die Löcher gebohrt werden, entscheidend für den Erfolg des Projekts. Nicht jedes Holz ist geeignet. Insbesondere Weichholzklötze sind nicht zu empfehlen, da sie bei hoher Luftfeuchtigkeit aufquellen können und die Löcher dann ausreißen. Hartholz ist vorzuziehen, da es stabiler ist und saubere Bohrungen ermöglicht, die nicht zu Rissbildungen neigen …

… Beim Bohren der Löcher ist es wichtig, sie quer zur Faser vorzunehmen, um eine Rissbildung zu vermeiden. Die Löcher sollten in regelmäßigen Abständen gebohrt werden, mit Durchmessern von 2–10 mm, wobei der Schwerpunkt auf kleineren Größen liegen sollte (2–6 mm). Diese bieten dann auch kleineren Arten Nistmöglichkeiten. Nach dem Bohren sollten die Löcher ausgeklopft und mit einem Staubsauger oder Pinsel gereinigt werden, um Späne und Bohrreste zu entfernen. Abschließend empfiehlt es sich, die Oberfläche nachzuschleifen, um alle verbleibenden Holzsplitter zu entfernen und eine glatte Oberfläche zu erhalten. Die Nisthilfen selbst sollten sonnig, regengeschützt und mit einem Ende verschlossen platziert werden. Um Wildbienen in Nisthilfen effektiv vor (Fress)feinden zu schützen, ist es ratsam, ein feinmaschiges Gitter vor der Nisthilfe anzubringen. Dieses Gitter verhindert, dass etwa Spechte und andere größere Insektenfresser Zugang zu den Brutkammern erhalten. Gleichzeitig können die Wildbienen weiterhin ein- und ausfliegen.

Ann-Kathrin Scheuerle: Idealerweise finden Wildbienen passende Nistquartiere in der Natur. Können die künstlichen Behausungen mehr als eine Alternative sein, ja sogar Vorteile mit sich bringen? Und umgekehrt: Sind auch Nachteile mit den Nisthilfen verbunden?

Dominik Jentzsch: Künstliche Nisthilfen für Wildbienen bieten Vor- und Nachteile. Sie erhöhen die Nistmöglichkeiten und fördern die Artenvielfalt in Gebieten, wo sonst wenig adäquate Nistplätze vorhanden sind. Allerdings bergen sie auch Risiken (Krankheiten, Parasitenbefall, Verletzung durch falsche Materialwahl.) Eine sorgfältige Gestaltung und Überwachung der Nisthilfen ist hier entscheidend. Kommerzielle Insektenhotels entsprechen oft nicht den Bedürfnissen der Wildbienen. Selbstbau-Optionen unter Verwendung von z. B. Brombeerstängeln, Lehmwände und totes Holz sind naturnäher und bieten sichere Nistbedingungen. Ein vielfältiges Lebensumfeld mit reichhaltigem Nahrungsangebot ist dabei essenziell für die Förderung von Wildbienen. Durch richtig gestaltete Nisthilfen und bienenfreundliche Gärten können wir aktiv zu ihrem Schutz beitragen.

Ann-Kathrin Scheuerle: Was kann ich noch tun, um den Wildbienen etwas Gutes zu tun?

Dominik Jentzsch: Wir sollten vor allem auch die bodennistenden Arten mitdenken. Hier lässt sich eine effektive Nisthilfe für Wildbienen erstellen, indem wir Lehm und Sand im Verhältnis 1:8 mischen. Diese Mischung füllen wir in einen Behälter, lassen sie trocknen und stellen sie dann als Lehmwand an einem sonnigen, regengeschützten Ort auf. Für viele Wildbienen ist das sehr attraktiv. Sie graben dort ihre Brutgänge hinein.

Mehr als die Hälfte der heimischen Wildbienenarten ist bedroht. Zeit zu handeln! © Stiftung für Mensch und Umwelt, Dominik Jentzsch
Mehr als die Hälfte der heimischen Wildbienenarten ist bedroht. Zeit zu handeln! © Stiftung für Mensch und Umwelt, Dominik Jentzsch
Auch an einem Hochbeet macht sich eine Wildbienennisthilfe gut. Dann wohnen die Summer direkt neben einem Nahrungsangebot. © Sebastian Runge
Auch an einem Hochbeet macht sich eine Wildbienennisthilfe gut. Dann wohnen die Summer direkt neben einem Nahrungsangebot. © Sebastian Runge

Eine weitere Möglichkeit, aktiv zu werden, bietet der Deutschland summt!-Pflanzwettbewerb.

Seit 2016 gärtnern dabei Kinder, Jugendliche und Erwachsene um die Wette. Und setzen ein Zeichen für den Schutz von Wildbienen und der biologischen Vielfalt insgesamt. Mitmachen kann jeder*r ab sofort! Details unter:

www.wir-tun-was-fuer-bienen.de

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